- Einleitung
Mit dem Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) hat der Gesetzgeber im Oktober 2020 einen wesentlichen Impuls zur Digitalisierung und Modernisierung deutscher Krankenhäuser gegeben. Ziel ist es, durch gezielte Förderungen sowohl die Versorgungsqualität als auch die Effizienz und Sicherheit im Gesundheitswesen nachhaltig zu verbessern. Die Gemeinnützige Krankenhausgesellschaft des Landkreises Bamberg mbH (GKG), zu der zwei ländlich gelegene Kliniken der Grund- und Regelversorgung mit insgesamt 260 Betten gehören, hat sich frühzeitig auf den Weg gemacht, die digitale Patientenakte einschließlich digitaler Fieberkurve in den laufenden Krankenhausbetrieb zu integrieren – ein Kraftakt, der nicht nur technische, sondern auch strukturelle und kulturelle Veränderungen im gesamten Unternehmen mit sich brachte. Die GKG bietet neben ihren beiden Klinikstandorten, der Juraklinik in Scheßlitz und der Steigerwaldklinik in Burgebrach, ein breitgefächertes Spektrum der medizinischen und pflegerischen Versorgung in der Region an, wie drei Medizinische Versorgungszentren, zehn Pflegeeinrichtungen und zwei Ambulante Pflegedienste.
- Gesetzliche und technische Rahmenbedingungen des KHZG
Der durch das KHZG bereitgestellte Fördertopf von über vier Milliarden Euro zielt auf den Ausbau der digitalen Infrastruktur in deutschen Krankenhäusern ab. Der Fokus liegt auf:
- Verbesserung der digitalen Infrastruktur – Ausbau und Modernisierung der IT-Systeme für effizientere Versorgung,
- Der Einführung innovativer Technologien wie Patientenportalen, elektronischen Akten oder Telemedizin,
- Der Optimierung von Versorgungsprozessen,
- Der Verbesserung von Patientensicherheit und Behandlungsqualität,
- Der Förderung von Interoperabilität,
- Sowie der Unterstützung bei Fachkräftesicherung durch digitale Werkzeuge.
Zur Umsetzung wurden elf Fördertatbestände definiert. Besonders relevant sind die sanktionsbehafteten Fördertatbestände 2 bis 6 – wie Patientenportale, digitale Behandlungsdokumentation, klinische Entscheidungsunterstützung, digitales Medikationsmanagement und digitale Leistungsanforderung – für die verbindliche „MUSS“-Kriterien festgelegt wurden. Die Nichteinhaltung kann zu Vergütungskürzungen von bis zu
2 % führen. Zudem ist ein Mindestanteil von 15 % der geförderten Maßnahme in IT-Sicherheit zu investieren. Die Einhaltung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) zum Schutz sensibler Patientendaten ist obligatorisch.
- Von der Antragstellung zur Umsetzung
Da die maximale Fördersumme – berechnet nach dem Königsteiner Schlüssel – nicht alle Tatbestände abdecken konnte, konzentrierte sich das Projektteam auf die sanktionsbehafteten Bereiche. Mit externer Unterstützung wurde 2021 die Antragsstellung vorbereitet, Projekte priorisiert sowie skizziert und ein Förderantrag eingereicht.
Die Umsetzung begann Anfang 2022 mit der Planung und Implementierung erster Maßnahmen. Dabei stellte sich schnell heraus: Ohne stabile und skalierbare technische Infrastruktur – etwa flächendeckendes WLAN und leistungsfähige Server im Backend für den Zugriff der mobilen Visitenwägen und Tablets – ist eine erfolgreiche Digitalisierung nicht möglich. Eine neue, fachmännisch ausgeleuchtete WLAN-Infrastruktur und eine performante Serverarchitektur mit digitalem als auch papierbasiertem Ausfallkonzepten legten das technische Fundament.
- Einführung der Digitalen Patientenkurve:
Strukturierter Wandel
4.1 Projektstart: Von der Vision zur Versorgungsrealität
Der Startschuss der Projektumsetzung in den Praxisbetrieb der Kliniken fiel im Mai 2024 mit einem gemeinsamen Kick-off. Ein sechsköpfiges interdisziplinäres Projektteam begleitete gemeinsam mit einem externen Partner die Integration der digitalen Patientenakte in das bestehende Krankenhausinformationssystem (KIS).
Der Projektansatz war klar: keine reine IT-Implementierung, sondern ein interprofessioneller Transformationsprozess führt zum Projektziel. Frühzeitig wurden zentrale Versorgungsprozesse analysiert, in Arbeitsgruppen evaluiert und an die neue digitale Realität angepasst. Besonders herausfordernd war die Koordination zahlreicher Schnittstellen – von Notaufnahme bis OP-Bereich – sowie die enge Zusammenarbeit zwischen ärztlichem Dienst, Pflege, Verwaltung und IT.
4.2 Digitale Lösungen mit Praxisbezug
Im Rahmen klinikübergreifender Zusammenarbeit wurden praxisnahe, digital abbildbare Routinen entwickelt. Die Fieberkurve wurde dabei als zentrales Instrument neu gedacht: statt starrer Vorgaben spiegeln Intervalle und Maßnahmen die realen Abläufe in der Patientenversorgung von Aufnahme bis zur Entlassung wider. Zeiten z. B. bei Arztanordnungen, für Medikamentenverabreichungen und Pflegetätigkeiten wurden nicht pauschal festgelegt, sondern orientieren sich an den realen Prozessen vor Ort und bilden in der Fieberkurve einen transparenten Behandlungsablauf. Somit wurde ein nachhaltiges Standard- und Dokumentationssystem etabliert, das rechtliche Anforderungen ebenso berücksichtigt wie den praktischen Stationsalltag.
Ein zentraler Erfolgsfaktor war die Einbindung sogenannter Key-User aus Pflege und ärztlichem Dienst, die sowohl Schulungen erhielten als auch den Wissenstransfer auf den Stationen verantworteten.
- Rollout, Schulung & Evaluation
Ab Februar 2025 startete der gestaffelte Rollout: Station für Station wurde die digitale Akte eingeführt – stets beginnend mit neu aufgenommenen Patientinnen und Patienten, während laufende Fälle noch in Papierform weitergeführt wurden. Dieser parallele Ablauf sorgte gerade in den ersten Wochen für Sicherheit.
Begleitend dazu fanden vier Wochen vor jedem Rollout praxisnahe Schulungen der Anwender unterschiedlicher Berufsgruppen auf den Stationen statt. Während der ersten digitalen Tage unterstützten IT, externe und interne Projektleitung und Key-User vor Ort. Dieses Vorgehen sicherte Akzeptanz, ermöglichte schnelles Troubleshooting und sorgte für eine hohe Nutzerzufriedenheit.
Der formale Projektabschluss erfolgte im Juli 2025 – alle sieben Normalstationen hatten erfolgreich auf die digitale Patientenakte umgestellt und der digitale Visitenwagen gehörte wie selbstverständlich zum Stationsalltag. Im Anschluss wurde in einer interdisziplinären Evaluation mit dem Leitungsteam nicht nur das Ergebnis, sondern insbesondere auch das Engagement und die Zusammenarbeit aller Beteiligten gewürdigt.
- Fokus Pflege: Die digitale Fieberkurve als Herzstück
6.1 Status quo und Verbesserungspotenziale
Für die Pflege stellt die Fieberkurve das zentrale Dokumentationsinstrument im Stationsalltag dar. Bisher papierbasiert, war sie jedoch oft unübersichtlich oder aber, bedingt durch schlichten Platzmangel, unvollständig. Mit der digitalen Version verbessert sich nicht nur Lesbarkeit, Übersichtlichkeit und die physische Verfügbarkeit der Fieberkurve für alle Berufsgruppen, sondern auch die Abbildung pflegerischer Leistungen erfolgt durch sie korrekt und vollumfänglich.
6.2 Entlastung durch Digitalisierung
Ein internes Ziel des Digitalisierungsprozesses in unseren Kliniken war die spürbare Entlastung der Berufsgruppen im Alltag und die effizientere Gestaltung oft eingefahrener Arbeitsprozesse. Ein konkretes Beispiel: Die Laboranforderung – früher ein mehrstufiger Prozess zwischen Arzt und Pflege – wird nun direkt digital vom Arzt angeordnet, die Pflege übernimmt nur noch die Vorbereitung. Doppelarbeit, Übertragungsfehler und Missverständnisse werden vermieden. Die durch die Prozessoptimierung gewonnen zeitlichen Kapazitäten kommen der Patientenversorgung zugute und sorgen damit langfristig für mehr Zufriedenheit innerhalb der Berufsgruppe Pflege.
Auch die interprofessionelle Zusammenarbeit profitiert: Informationen sind jederzeit für alle Berufsgruppen einsehbar, Termine koordinierbar und Prozesse im Behandlungsverlauf transparenter – insbesondere bei abteilungsübergreifenden Versorgungsgeschehen.
- Herausforderungen & Erfolgsfaktoren
Wie bei jedem tiefgreifenden Wandel zeigten sich auch hier im Projektverlauf einige Herausforderungen:
- Die zeitliche Ressourcenknappheit im Pflegealltag erschwerte die verbindliche Teilnahme der beauftragten Pflegekräfte an den Arbeitsgruppen.
- Technische Unsicherheiten sind in der praktischen Umsetzung ein großer Risikofaktor, da hierbei für einen erfolgreichen Projektverlauf in der Regel die zeitlichen Ressourcen externer Anbieter entscheidend sind.
- Die Herausforderung, alle Generationen im Team mitzunehmen.
Besonders die Pflegekräfte hatten hohe Erwartungen an das Projekt. War die Einführung der digitalen Fieberkurve lange Zeit großen Kliniken der Maximalversorgung vorbehalten, ermöglicht das KHZG die Umsetzung großer digitaler Projekte auch für Häuser der Grund- und Regelversorgung.
Damit der durch das Projekt angestoßene Wandel gelingen konnte, waren einige „weiche Faktoren“ entscheidend:
- Frühzeitige Einbindung digital affiner Pflegekräfte in die inhaltliche Gestaltung der digitalen Fieberkurve.
- Schulungen der Mitarbeiter, zeitlich angepasst an den Echtstart der digitalen Fieberkurve auf Station.
- Persönliche Begleitung des Echtstarts durch Key-User und Projektleitung.
- Kontinuierliches Feedback und monatliche Key-User-Treffen zur Nachsteuerung auch nach dem offiziellen Ende des Projekts.
- Fazit und Ausblick
Die erfolgreiche Einführung der digitalen Fieberkurve in zwei ländlichen Kliniken zeigt: Auch kleinere Häuser können große digitale Schritte gehen – wenn strukturiert geplant, interprofessionell umgesetzt und mitarbeiterzentriert begleitet wird.
Die digitale Dokumentation ist nicht nur ein technisches Projekt, sondern ein Veränderungsprozess, der neue Standards setzt, Prozesse verbessert und die Versorgung nachhaltig stärkt.
Wir setzen damit ein Zeichen: Digitalisierung im Gesundheitswesen ist keine Frage der Größe, sondern des Willens zur Veränderung – und der Zusammenarbeit aller Beteiligten.
Autoren:
Sabine Göpfert, Pflegemanagement B.A., Qualitätsmanagement
Jasmin Demant, Dipl. Pflegewirtin (FH), Pflegedienstleitung
Sebastian Hertel, Fachinformatiker, Leitung IT

